Abseits der Generation Y

Skepsis im Alter: Zwischen Vertrauensbedarf und dem Wunsch nach Gewohnheit

Ein Beitrag von Alexander Noack

In einer sich beschleunigenden, digitalen Welt sind alltägliche Vorgänge zunehmend von einem Vertrauensvorschuss abhängig. Ob bei der Nutzung neuer Technologien oder der Inanspruchnahme von Dienstleistungen, die Anforderung, sich auf Unbekanntes einzulassen, wächst. Dies stellt insbesondere Menschen, beginnend mit der „Lebensblüte“ um ihren vierzigsten Jahrestag, vor Herausforderungen, bei denen Skepsis nicht selten die erste Reaktion ist.

Die wissenschaftliche Grundlage

Diese Beobachtung ist mehr als nur ein subjektiver Eindruck. Wissenschaftliche Erhebungen untermauern sie. Insbesondere die globale Langzeitstudie World Values Survey liefert Daten, die darauf hindeuten, dass mit zunehmendem Alter die Offenheit gegenüber Veränderungen und Fremdem tendenziell abnehmen kann.

Die „World Values Survey“ (WVS) ist ein globales, langfristiges Forschungsprojekt, das von der gemeinnützigen „World Values Survey Association“ mit Sitz in Wien, Österreich, koordiniert wird. Im Rahmen der Studie werden seit 1981 in fast 100 Ländern national repräsentative Umfragen durchgeführt, um die sich wandelnden Werte und Überzeugungen der Menschen sowie deren Einfluss auf das soziale und politische Leben zu untersuchen.

Wenn Vertrauen zur Bedingung wird entstehen Alltägliche Hürden.

Viele moderne Interaktionen funktionieren nur auf einer Vertrauensbasis. Fehlt diese von vornherein, werden alltägliche Situationen zu Stressfaktoren:

  • Digitale Assistenz: Das eigene Smartphone für eine Einstellung einem Fremden in die Hand zu geben, erfordert die Überwindung einer Vertrauensbarriere.
  • Zahlungsvorgänge: Bei der kontaktlosen Bezahlung die eigene Bankkarte aus der Hand zu geben oder bei schlechter Sicht das offene Portemonnaie zum Abzählen von Kleingeld hinzuhalten, sind Akte, die auf Vertrauen basieren.
  • Personenbeförderung: Das Einsteigen in ein Taxi zu einem Fahrer, dessen Erscheinungsbild oder Akzent fremd wirkt, setzt die Bereitschaft voraus, die Kontrolle abzugeben und auf eine sichere Dienstleistung zu vertrauen.

Ist Skepsis die Grundhaltung, kann sich dieses Vertrauen nicht entwickeln. Eine Dienstleistung wird dann womöglich negativ bewertet, nicht aufgrund objektiver Mängel, sondern weil ein grundlegendes Gefühl der Unsicherheit die gesamte Erfahrung überschattet.

Das Recht auf Gewohnheit: Mein Plädoyer für die Beständigkeit

An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein: Ist es falsch, auf Gewohnheit zu bestehen? Warum sollte der Wunsch, einen Service genauso verlässlich, unverändert und gewohnt zu erhalten, wie man ihn einst als positiv erfahren hat, negativ ausgelegt werden?

Das Beharren auf dem Vertrauten ist nicht zwangsläufig eine Ablehnung des Fortschritts. Vielmehr ist es der legitime Versuch, in einer komplexen Welt auf bewährte, positive Muster zurückzugreifen, um Unsicherheit und kognitiven Stress zu reduzieren.

Dies führt zu einer grundlegenden Frage für unsere Gesellschaft: Beachten wir auf dem Weg des Fortschritts die Bedürfnisse der älteren Menschen ausreichend? Gerade in Situationen, in denen Menschen existenziell auf das Vertrauen in andere angewiesen sind, sei es bei der Bezahlung, der Mobilität oder der Kommunikation, wiegt dieser Aspekt besonders schwer.


Ihre Meinung ist gefragt

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrem beruflichen oder privaten Alltag gemacht? Ich freue mich auf Ihre Gedanken und Beobachtungen in den Kommentaren.

Posted in

Hinterlasse einen Kommentar