Stellen Sie sich kurz vor, Sie schlendern an einem lauen Sommerabend durch die Innere Neustadt. Sie passieren den Goldenen Reiter, blicken die prächtige Hauptstraße hinunter, bewundern die eleganten, barocken Fassaden am Königsufer. Alles wirkt harmonisch, wie aus einem Guss. Doch haben Sie sich je gefragt, warum das so ist? Warum dieser Teil Dresdens so anders aussieht als die verwinkelten Gassen vieler anderer Altstädte?
Die Antwort liegt nicht in einem friedlichen Plan, sondern in der Asche einer der größten Katastrophen der Stadtgeschichte. Reisen wir zurück zum 6. August 1685.
Ein Inferno, das alles veränderte
Es ist ein heißer, trockener Sommertag. Ein starker Wind fegt über die Elbe. Im damaligen Altendresden, einem dichten Gewirr aus mittelalterlichen Fachwerkhäusern, geschieht das Unvermeidliche: In der Werkstatt eines Tischlers bricht ein Feuer aus. Ein Funke genügt. Angefacht vom Wind, frisst sich eine unaufhaltsame Feuerwalze durch die engen Gassen. Die damaligen Löscharbeiten mit Ledereimern und Handpumpen waren ein scheinbar aussichtsloser Kampf.
Um sich das Ausmaß besser vorzustellen zu können: Das Feuer vernichtete eine Fläche von rund 30 Hektar, das entspricht der Größe von 40 Fußballfeldern und ist fast zehnmal so groß wie der heutige Altmarkt. Das gesamte Areal, das wir heute als barocke Innere Neustadt kennen, brannte nieder. Die Grenzen des Infernos verliefen entlang des Elbufers im Süden, der heutigen Bautzner und Antonstraße im Norden, der Glacisstraße im Westen und dem Albertplatz im Osten. Innerhalb weniger Stunden war alles verloren.
Zwischen Asche und Ungewissheit liegt nun das Schicksal der Überlebenden
Für die rund 4.000 obdachlos gewordenen Menschen begann ein Kampf ums Überleben. Ein modernes Sozialsystem existierte nicht. Die Hilfe kam schließlich von landesherrlicher Seite. Der Kurfürst erließ mehrjährige Steuerfreiheiten und ließ Notunterkünfte in Kasernen und Kirchen einrichten. Doch die wahre Härte zeigte sich danach. Viele der einfachen Handwerker konnten sich die neuen, teuren Steinhäuser nicht leisten, die beim Wiederaufbau vorgeschrieben wurden. Sie waren gezwungen, ihre Grundstücke im Herzen der Stadt an reiche Bürger zu verkaufen und an den Rand zu ziehen, so führte der Brand also auch zu einer tiefgreifenden sozialen Umwälzung.
Der Visionär und sein europäischer Baukasten
An dieser Stelle betritt der Landesherr die Bühne. Doch es ist nicht, wie die Legende es oft will, August der Starke. Der war 1685 erst 15 Jahre alt. Es war sein Vater, Kurfürst Johann Georg III., der die Katastrophe als Chance begriff. Gemeinsam mit seinem genialen Oberlandbaumeister Wolf Caspar von Klengel schmiedete er einen Plan, der radikal neu war. Klengel, einer der bereistesten Architekten seiner Zeit, öffnete seinen geistigen Werkzeugkasten, gefüllt mit Ideen aus ganz Europa:
- Die Ordnung aus Italien: Klengel hatte die geometrische Klarheit und die auf Perspektive ausgerichteten Plätze der Renaissance gesehen. Das rechtwinklige Straßennetz der Neustadt ist ein direktes Echo dieser italienischen Vorbilder.
- Die Repräsentation aus Frankreich: Die Place des Vosges in Paris mit ihren einheitlichen Fassaden stand Pate für die geschlossenen, disziplinierten Häuserfronten. Die Stadt wurde zur Bühne der Macht.
- Die Sicherheit aus den Niederlanden: Aus den holländischen Städten übernahm Klengel die strengen Brandschutzregeln: massive Feuermauern zwischen den Häusern und der Zwang zum feuerfesten Steinbau.
Die berühmte Legende, August der Starke habe persönlich bei Löscharbeiten geholfen und dabei die Gräfen Cosel kennengelernt, entstammt übrigens einer Vermischung von Ereignissen. August half tatsächlich heldenhaft beim Brand des Residenzschlosses 1701. Die Gräfin Cosel lernte er aber erst Jahre später, um 1704, kennen. Die romantische Vorstellung gehört also leider in das Reich der Mythen.
Einheit als oberstes Gebot: Die Traufhöhe
Klengels Vision gipfelte in einer Regel, die das Gesicht der Neustadt bis heute prägt: die einheitliche Gebäudehöhe. Um ein harmonisches Gesamtbild zu schaffen, wurde eine feste „Traufhöhe“ (die Tropfkante des Daches) für alle Bürgerhäuser festgelegt. Diese wurden auf eine Höhe von drei, manchmal vier Vollgeschossen beschränkt. So wurde verhindert, dass ein Bau den anderen erdrückt, und es entstand jene ruhige, elegante Monumentalität, die wir heute noch spüren können.
Die Neustadt fortan mit neuen Augen sehen
Wenn Sie also das nächste Mal durch die Neustadt spazieren, halten Sie inne. Schauen Sie auf die geraden Linien der Straßen, die einheitliche Höhe der Dächer und die massiven Steinfassaden. Sie sehen nicht nur schöne Barockarchitektur. Sie sehen den Geist Italiens, die Machtdemonstration Frankreichs und die pragmatische Sicherheit der Niederlande. Sie sehen die Vision eines Mannes, der aus der Asche einer Katastrophe ein Meisterwerk schuf, das bis heute die „Natur des Dresden“ prägt.
Und heute? Der Geist der Neuschaffung, der 1685 aus der Asche aufstieg, lebt auf eine ganz andere, buntere Weise weiter. Während die barocke Innere Neustadt heute vor allem durch ihre historische Eleganz, Regierungsbauten und exquisite Gastronomie geprägt ist, hat sich der unbändige, kreative Geist vor allem im angrenzenden Stadtteil, der Äußeren Neustadt, manifestiert. Sie ist das bunte, laute und tolerante Herz Dresdens, das Epizentrum der alternativen Kultur. Die Demografie ist hier eine der jüngsten und dynamischsten der Stadt: Studenten, Künstler, junge Gründer und Lebenskünstler aus aller Welt prägen das Straßenbild. Das Viertel ist berühmt für seine einzigartige Dichte an Bars, individuellen Boutiquen, Ateliers und einzigartigen Hinterhof-Projekten wie der berühmten Kunsthofpassage. Dieser rebellische und kreative Geist zeigt sich in einer pulsierenden Straßenkultur und einem ausgeprägten Sinn für Gemeinschaft, der das Viertel besonders in den warmen Monaten in einen Schmelztiegel der Lebensfreude verwandelt. So ist die Neustadt bis heute ein Ort geblieben, der sich ständig neu erfindet, wie ein lebendiges Mosaik, das auf dem Fundament einer historischen Katastrophe erbaut wurde und dessen kreative Energie ansteckend wirkt.

Hinterlasse einen Kommentar