Dresdens Tabakmoschee: Die Geschichte hinter der exotischen Kuppel

Wenn Sie als Gast oder auch als Einheimischer den Blick über Dresden schweifen lassen, fällt Ihnen am Rande der Innenstadt unweigerlich ein Gebäude auf, das wie eine Fata Morgana aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht wirkt. Eine prächtige, schillernde Kuppel und schlanke Minarette ragen in den sächsischen Himmel. Ein Gruß aus dem Orient, sollte man meinen. Doch was, wenn ich Ihnen erzähle, dass dies nie ein Gotteshaus war, sondern ein Tempel? Ein Tempel für den Tabak.

Die faszinierende Geschichte dieses Bauwerks beginnt um das Jahr 1907 mit einem cleveren Unternehmer namens Hugo Zietz. Er handelte erfolgreich mit orientalischen Tabaken und wollte für seine bekannte Zigarettenmarke „Salem Aleikum“ eine neue, riesige Fabrik errichten. Dabei stand er jedoch vor einem Problem: Die strengen Bauvorschriften der Stadt Dresden verboten es, im Zentrum ein Fabrikgebäude zu errichten, das auf den ersten Blick als solches erkennbar war. Was also tun?

Hugo Zietz war nicht nur Geschäftsmann, er war ein Marketinggenie. Er beschloss, die Vorschrift nicht einfach zu umgehen, sondern sie als Kernstück seiner Werbestrategie zu nutzen. Er beauftragte den Architekten Martin Hammitzsch, ihm ein Gebäude zu entwerfen, das so exotisch und fantasievoll sein sollte, dass niemand es für eine Fabrik halten würde. Die Inspiration dafür fand man Tausende von Kilometern entfernt, in Ägypten. Das architektonische Vorbild war die beeindruckende Grabmoschee des Emirs Khair Bak in Kairo.

So entstand mitten in Dresden ein architektonisches Trugbild, ein Koloss aus dem damals hochmodernen Stahlbeton, der sich als orientalische Moschee tarnte. Die Dimensionen dieses Wunders sind bis heute beeindruckend: Das Gebäude ragt stolze 62 Meter in die Höhe, wobei allein die farbig verglaste Kuppel einen Durchmesser von 17 Metern und eine Höhe von 20 Metern misst. Der genialste Teil des Tricks sind jedoch die scheinbaren Minarette: Es sind in Wahrheit die kunstvoll verkleideten Schornsteine und Abluftschächte der Fabrik.

Im Inneren verbarg sich eine der modernsten Zigarettenfabriken Deutschlands, in der auf sechs Stockwerken bis zu 1.500 Menschen arbeiteten. Zur Blütezeit war die Produktionsmenge schier unglaublich, denn mit über 60 verschiedenen Zigarettensorten verließen täglich mehr als 6 Millionen Zigaretten die sogenannte „Tabakmoschee“.

Doch die Geschichte der Yenidze ist untrennbar mit den Schicksalsschlägen Dresdens verbunden. Der erste Wendepunkt kam mit den verheerenden Bombenangriffen im Februar 1945. Auch die Yenidze wurde schwer getroffen und zu einem Drittel zerstört, doch ihre robuste Stahlbetonkonstruktion hielt stand. Nach dem Krieg wurde sie wiederaufgebaut und in der DDR als VEB Tabakkontor weitergeführt. Sie blieb ein wichtiger Produktionsstandort, doch die goldenen Zeiten waren vorbei. Das endgültige Aus für die Produktion kam nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990. Der Betrieb war nicht mehr rentabel, die Anlagen veraltet, und so verstummten die Maschinen, die einst Millionen von Zigaretten pro Tag hergestellt hatten, für immer.

Heute ist die Yenidze nach einer aufwendigen Sanierung ein modernes Bürogebäude mit einem wunderbaren Kuppelrestaurant, das einen einmaligen Blick über die Stadt bietet. Doch ihre wahre Geschichte macht sie zu dem, was sie ist: Einem einzigartigen Blickfang. Ein Grabmal, das zur Fabrik wurde, eine Fabrik, die zum Büro wurde. Ein unvergessliches Denkmal für den Einfallsreichtum eines Unternehmers und ein architektonisches Juwel in der Dresdner Skyline.

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